"Eine goldene Pailette ist eine winzige Scheibe aus vergoldetem Metall, von einem Loch durchbohrt. Dünn und leicht, vermag sie auf dem Wasser zu schwimmen. Manchmal bleiben eine oder zwei in den Locken eines Akrobaten hängen."
Der Künstler hat die Verpflichtung sich selbst das äußerste abzuverlangen, um in der Kunst zu verwirklichen, was in der Realität des Lebens nicht zu erreichen ist. - In diesem Sinne erteilt Jean Genet in seinem Prosagedicht "Der Seiltänzer" Ratschläge an eben diesen und meint damit stellvertretend den Künstler per se.Die alte These: Der einsame, lebensuntüchtige Mensch, der in seiner Selbstüberwindung durch sein Kunstwerk zum Künstler wird - oder: Nur der wirklich verzweifelteKünstler ist ein guter Künstler?
Ein Statement, das von Jean Genet theoretisch bejaht und praktisch bezweifelt wird. Und so ballancieren viele Künstler - ob Komponisten, Maler, Dichter oder Seiltänzer - zwischen den Welten und suchen ihren Ausdruck in ihrer Kunst. In diesem Sinne ist auch dieses Konzert ein Seiltanz zwischen Ungewohntem und Vertrautem, Gehörtem und Ungehörtem, Altem und Neuem. Kompositionen von Hosokawa, Lombardi, Scelsi, Dick, Offermans, Pagh-Paan und Fukushima brechen mit alten Hörgewohnheiten, während der Text Gewohntes neu beleuchtet. Fern von jedem Dogmatismus hat das Publikum die Möglichkeit sich einzufühlen und die Freiheit zu- oder wegzuhören

"Aber ich wollte nichts anderes als: Bei Gelegenheit Deiner Kunst ein Gedicht schreiben, dessen Inbrunst Dir in die Wangen steigt. Es handelte sich darum, Dich zu entflammen, nicht Dich zu lehren."


Pressestimmen:
(...) "Zu hören war das Prosagedicht "Der Seiltänzer" von Jean Genet, das die Schauspielerin Gabriela Zorn souverän vortrug. Dabei nutzte sie den ganzen Musiksalon als ihre "Bühne", band auch die Zuhörer ein. Die Flötistin Britta Roscher war Teil dieser Inszenierung, nicht nur als musikalische Unterbrechung oder Kommentierung des Textes, sondern auch als (stumme) Partnerin, als scheinbar Angesprochene der im Gedicht zu Wort kommenden Personen.
(...) Britta Roscher stellte die Werke perfekt, dabei ruhig und sehr sicher vor und schuf so eine Atmosphäre interessierten Zuhörens.
Wiesbadener Tagblatt, 19.06.1999



Zusatzangebot:
Die Schauspielerin Gabriela Zorn präsentiert auf Wunsch einen Einführungsabend in Werk und Leben Jean Genets.

Le Poète maudit
Ein Abend mit Texten von und über Jean Genet
Jean Genet, geboren am 19. Dezember 1910 in Paris, kam als uneheliches Kind im Alter von fünfzehn Jahren in die Besserungsanstalt. Er brach aus, trat in die Fremdenlegion ein, floh, prostituierte sich, vagabundierte durch neun Länder, stahl, ließ sich aushalten, lebte unter fünfzehn verschiedenen Namen, war zwischen 1937 und 1943 dreizehnmal zu Gefängnis verurteilt und aus fünf Ländern ausgewiesen worden. 1942 schrieb er im Gefängnis seinen ersten Roman "Notre-Dame-des-Fleurs". Genet widmete dieses Buch einem Mörder. Auf Grund einer Petition Satres und Cocteaus wurde er vom französischen Staatspräsidenten begnadigt und in der literarischen Welt bald zum "poète maudit". Seine Gedichte, Romane und Dramen wurden in Frankreich und einigen anderen Ländern, auch der Bundesrepublik, zeitweise verboten.

Genet - Skandalautor, Genet - der Pornograph, Genet - der "böse Dichter", Genet - auf der Suche nach moralischer Schönheit... Um Jean Genet ranken viele Mythen, existieren etliche Pauschalisierungen und Klischees. In der Veranstaltung sollen keine Urteile gefällt, sondern Facetten aufgezeigt werden. Gabriela Zorn präsentiert Einblicke in die Arbeit des Dichters. Gelesen werden Textpassagen aus verschiedenen Werken, Gedichten etc. Ein Abend zur Einführung, zum Wieder- oder Neuentdecken, der zur Diskussion anregen und zum Gespräch ermuntern soll.